Radio Hexenkessel online


Blass! Brav! Bieder! - Deutschland ohne Chance im Finale
Juni 30, 2008, 8:07 Uhr vormittags
Gespeichert unter: EURO 2008

Vor dem Spiel ging ich gestern noch in einem türkischen Imbiss mit dem schönen Namen “Dönerstag” (Donnerstag ist Dönerstag, Döner plus Cola zum Sonderpreis!). Natürlich kamen wir - während ich auf mein Kebab wartete - schnell aufs Finale zu sprechen. Meine Meinung: “Wenn Ballack spielt, gewinnen wir.” Der Dönerfachverkäufer: “Gerade mit dem gewinnt ihr nix.” Am Ende muss ich zugeben: Der Imbissexperte hat mehr Fußballsachverstand als ich bewiesen.
Deutschland spielte ein schwaches Finale, in dem die Mannschaft zu kaum einer Torchance kam. Und das lag auch an einem ganz schwachen Michael Ballack, der mit einer enttäuschenden Leistung einmal mehr demonstrierte, warum er keine großen Titel gewinnen kann. Viele Fehlpässe des Capitano, gegen Senna selten Sieger im Zweikampf, so ging die Ordnung im Mittelfeld der Deutschen verloren. Sein Spiel war eine einzige Enttäuschung, auch in der Art, wie er mit seinen Mitspielern umging. Da war keine Motivation, kein Versuch, sie aufzurütteln außer durch überhartes Einsteigen gegen den Gegner. Nie vermittelte er den Eindruck, als würde er an seine Mitspieler und ihre Fähigkeiten glauben. Hat ihn seine Zeit in Chelsea so verwöhnt, dass er seiner eigenen Nationalmannschaft nur noch mit herablassender Arroganz gegenüber treten kann?
So blieb niemand, der die Mannschaft mitreißen konnte. Thorsten Frings hatte schon im ganzen Turnier gezeigt, dass er im Moment zu mehr als Zerstörung nicht in der Lage ist. Genauso ineffektiv agierte der sonst so zuverlässige Hitzlsperger. Lukas Podolski war der beste Rechtsaußen des Turniers aber so wie C. Ronaldo ein Spiel an sich reißen kann er (noch) nicht. Blieb nur Bastian Schweinsteiger, dem man am Ende der EURO bescheinigen muss, der einzige Spieler im Kader zu sein, der während des Turniers zu einer Leistungssteigerung im Stande war. Er rackerte links wie rechts, forderte viele Bälle, gab sich alle Mühe, Mitspieler in Szene zu setzen - nur leider hieß einer davon Arne Friedrich. Seine Flanken sind bereits jetzt legendär in ihrer Erfolglosigkeit, nur noch getoppt von der Willy-Sagnol-Flanke. Im Sturm schließlich war Miro Klose erneut auf sich allein gestellt. Sein Potential als Vorbereiter war damit verschenkt. Von Kuranyi und Gomez wollen wir gar nicht reden. Beide haben unter Beweis gestellt, dass sie ihre besten Leistungen nur auf Bundesliga-Niveau bringen. Torgefahr konnte so gegen die beste Abwehr des Turniers nicht entstehen. Vor dieser Abwehr agierte ein brilliantes Mittelfeld, dass gestern noch einmal eine Lehrstunde in Sachen “Verteidigung durch Ballbesitz” gab. Wie sie die deutschen Defensiven hinterher rennen ließen, war eine Demonstration. Mertesacker und Metzelder, beide Meilen von der WM-Form entfernt, konnten froh sein, wenn sie überhaupt in die Nähe des Balles kamen. Ein sehr starker Jens Lehmann rettete sie vor einer Total-Blamage. Bleibt Philipp Lahm: Wie schon im Halbfinale agierte er unglücklich, diesmal mit einem passenden Ende. Verletzt wurde er ausgewechselt. Dennoch ist er wohl der Spieler, der während des Turniers am meisten für Furore sorgte, nicht nur mit seinem Tor gegen die Türkei. Sein Ersatzmann Marcell Jansen machte vieles richtig, kam aber in eine Mannschaft, die offenbar nie wirklich an den Sieg geglaubt hat.
Womit wir bei Jogi Löw sind. Auch in der Trainerriege wurden Fehler gemacht. Und damit ist nicht gemeint, dass man Marco Marin statt Piotr Trochowski hätte mitnehmen müssen. Das hätte nichts geändert. Doch Löw geht das ab, was seinen Vorgänger Klinsmann so auszeichnete: Er schaffte es nicht, seine Mannschaft auf den Punkt für ein großes Turnier so einzustellen, dass jeder Spieler geistig wie körperlich in Topform war. Unerklärlich, wie Spieler wie Fritz, Jansen, Gomez sich aus der Mannschaft spielen konnten. Sie fingen stark an, um dann von Spiel zu Spiel schlechter zu werden. Das darf einfach nicht passieren. Andere, wie Hitzlsperger, Rolfes, Klose oder Lehmann agierten so zuverlässig wie ein Bahnfahrplan. Einzig Podolski, Schweinsteiger und Lahm konnten insgesamt überzeugen. Vor allem Schweinsteiger steigerte sich nach desaströsem Beginn großartig. Doch leider ist das zu wenig, wenn man die EURO gewinnen will. Vor zwei Jahren waren die Spieler durch die WM im eigenen Land zusätzlich motiviert. Der Topos der “Bergtour” vermochte diesen Reiz nicht zu setzen. Zu sehr waren einige Spieler mit sich selbst und ihrer Zukunft beschäftigt. Wie oft hat die Mannschaft beschworen, “im nächsten Spiel mit einer anderen Einstellung” auf den Platz zu laufen. Geklappt hat es nur einmal, bezeichnenderweise im einzigen Spiel, bei dem Löw nicht auf der Bank saß. Ansonsten dominierten blutleere Vorstellungen. Dazu leistete sich Löw einige taktische Schnitzer, wie beim Spiel gegen Kroatien als er David Odonkor völlig sinnlos einwechselte. Auch gegen Spanien ging sein 4-5-1, mit dem das Team wenig Erfahrung hatte, nicht auf. Erst mit der Umstellung auf 4-4-2 entwickelten Löws Spieler so etwas wie Torgefahr.
Die Spanier wurden verdient Europameister. Nach der WM 2002 mit Brasilien setzte sich erstmals wieder das spielerisch stärkste Team bei einem großen Turnier durch. Sie verloren kein einziges Spiel, erzielten am meisten Treffer, kassierten am wenigsten, da bleiben keine Fragen offen. Gegen sie zu verlieren ist keine Schande. Aber dass die deutsche Mannschaft alles versucht hat um zu gewinnen, kann man leider auch nicht behaupten. Der Mann vom Dönerstag wusste es schon vorher.

P.S. Meine Enttäuschung und meinen Ärger möchte ich dann gerne an den Schiedsrichtern abreagieren. Es war kein gutes Turnier der Männer in Neongelb. Symptomatisch die Leistungen von Rosetti im Eröffnungs- und Endspiel, als er gleich mehrere klare Handspiele übersah, zwei davon elfmeterwürdig. Dass er am Ende Deutschlands größte Torchance abpfiff, ist keine Entschuldigung, aber besonders bitter. Bei ihm und seinen Kollegen vermisste man eine klare Linie, die Sicherheit zu wissen, welche Fouls geahndet würden, für welche man Gelb sehen würde und was noch erlaubt ist. Da wurden gelbe Karten zurück genommen, klare Elfmeter nicht gepfiffen, aus Angst, das Spiel zu entscheiden, für Trikotzupfer gelbe Karten verteilt, während im Mittelfeld Eisenfüße wüteten. Nein, es war kein Turnier für die Schiedsrichter.



Lekker! - Finale Sendung vor dem großen Spiel
Juni 29, 2008, 4:17 Uhr nachmittags
Gespeichert unter: EURO 2008, Funkhaus | Schlagworte:

Wenn dieser Kessel nicht Lust auf einen großen Sieg heute abend machte, weiß ich es auch nicht. Noch einmal ließen wir die besten Momente der letzten Wochen aufleben mit tollen Berichten aus Wien, Basel und Bern. Und natürlich gab es unsere Erwartungen für das große Finale heute abend mit den letzten medizinischen Tipps für Michael Ballack und denen fürs Finale. Während Kris auf ein 2-1 mit unbestimmten Ausgang setzt - vermutlich um seine Schmach mit dem Italientipp nicht zu wiederholen - glaube ich fest an ein 3-1-Wunder auch ohne Capitano wenn es sein muss.
Für alle, die nochmal in den fantastischen holländischen Kommentar (”Wat’n Treffer!”) reinhören wollen, gibt es hier den Link:



Finale! - Einstimmung mit dem Hexenkessel
Juni 28, 2008, 8:35 Uhr vormittags
Gespeichert unter: EURO 2008, Funkhaus | Schlagworte:

Morgen um 20.45h rollt der Ball ein letztes Mal und dann werden wir wissen, ob Deutschland es schafft, nach 12 Jahren mal wieder einen Titel mit der Nationalmannschaft zu holen. Während überall schon die Leinwände gebügelt, die Grills poliert und die Deutschland-Fahnen gehisst werden, stimmt euch der Hexenkessel mit einer exklusiven Finalsendung morgen von 10-12h auf das großartige Spiel ein.
Vor vier Wochen haben wir ausführlich den EURO-Auftakt eingeläutet, nun sorgen wir auch für den Kehraus.
- Welche Spiele/ Spieler/ Mannschaften bleiben uns in Erinnerung?
- EM-Historie von Finals bis Spanien
- EURO-Begeisterung? War es ein Sommermärchen?
- Berichte aus Wien, Basel, Bern - Wie war die Stimmung vor Ort?
- Finale gucken aber richtig: Was braucht man für den perfekten Fußballabend?

und natürlich wieder jede Menge Musik und Dummgelaber von den beiden Hexenkesselexperten. Hört also rein morgen von 10-12h auf Radio Rheinwelle 92,5 in Mainz und Wiesbaden oder im Netz per Audio-Stream.



Leo! - Ein Hauch von Bolzplatz über der EURO
Juni 27, 2008, 8:34 Uhr vormittags
Gespeichert unter: EURO 2008, Knallhartplatz

Das geniale Tor von Philipp Lahm gegen die Türkei kann man sich gar nicht oft genug ansehen. Wie gerne würde ich es mir auch mal im Original anhören. Bevor Hitzlspergers brillianter Pass Lahm erreichte, rief er laut “LEO!”, um zu verhindern, das Bastian Schweinsteiger ihm die gute Gelegenheit vom Fuß nahm. Für eine Millisekunde befanden sich Philipp und Schweini nicht mehr im ausverkauften St.-Jakob-Park, sondern waren wieder auf dem Bolzplatz der Jugend angekommen.
Die durchtrainierten, vermarkteten Weltklassefußballer kennen wir Fans nur aus der Froschperspektive, ihre Welt erleben wir nur durch das Fernsehen oder in feuchten Fußballträumen, die überwiegend aus Wenn-und-Abers (”Ach, wenn ich damals doch in das Trainingslager mitgefahren wäre, wo wir gegen die A-Jugend von Schalke04 gespielt haben. Dann hätte der Scout mich…”) und verklärten Selbsteinschätzungen (”Klar, hätte ich es packen können. Aber ich bin nicht der Typ für…”) bestehen.
Doch es gibt manche Dinge, die auf jedem Fußballplatz gleich sind. Universelle Gesten, charakteristische Situationen, die dafür sorgen, dass wir trotz aller Entrücktheit und Distanz dennoch meinen zu wissen, wie es den Profis auf dem Platz ergeht. Wer hätte nicht einmal, wie Mario Gomez gegen Österreich, eine sogenannte 1000-Prozentige auf geradezu lächerliche Weise vergeben? Wer von uns ist nicht, wie Philipp Lahm, von einem türkischen Slalomdribbler auf dem Schulhof vernascht worden? In diesen Momenten sind uns die ganz Großen ganz nah. Auch sie haben mal klein angefangen. Nur die Wenns-und-Abers kennen sie nicht. Doch die Prägung auf deutschen Bolzplätzen, die bleibt. Die Sprache des Fußballs erlernt man nicht in Löws Motivationsseminaren. Die erlernt man auf dem Bolzplatz an der Ecke, wo sie von Generation zu Generation weitergegeben wird und so bis in die größten Momente des Spiels durchdringt.
Den genialen Doppelpass zwischen Hitzlsperger und Lahm hätten nur wenige spielen können. Den Ball so wunderbar mitnehmen und ins linke Eck schlenzen, schaffen wir nur an einen sonnigen Sonntag im Jahr. Doch dazwischen, da lag ein Moment, in dem wir alle gleich gehandelt hätten, ob wir nun im St-Jakob-Park oder auf einer Wiese im Volkspark gestanden hätten: Wir hätten alle - genau wie Philipp zu Schweini - LEO! gerufen.



Uff! - Deutschland tatsächlich im Finale
Juni 25, 2008, 11:02 Uhr nachmittags
Gespeichert unter: EURO 2008

Keine Ahnung, wie die Mannschaft das geschafft hat, aber sie ist im Finale. Dabei mag man sich gar nicht ausmalen, wie dieses Spiel gegen Türkei in Bestbesetzung ausgegangen wäre. Der Türkei verdanken wir in jedem Fall einen weiteren dramatischen Höhepunkt dieses Turniers. Sie haben die EURO ungemein bereichert und es ist bitterste Ironie des Schicksals, dass sie ausgerechnet durch ein Gegentor in der 90. Minute verloren.
Phasenweise, vor allem in der ersten Halbzeit wurde Deutschland regelrecht an die Wand gespielt und es ist wohl nur der türkischen Unerfahrenheit oder dem Bayern-Dusel oder irgendetwas anderem Übersinnlichen zu verdanken, dass es zur Pause 1-1 statt 1-4 stand. Danach gewann die Mannschaft zwar Stabilität, aber keine Effektivität. Die Chancen auf beiden Seiten wurden geringer, bevor sich das Spiel zu einer aus türkischen Spielen wohlbekannten Dramatik zu steigern schien. Getreu dem Motto “Wer gegen Türken führt, der stets verliert” kassierte Deutschland nach Kloses Tor (aus 14 Ballkontakten produzierte er 1 Tor. Das nenn ich Stürmerqualität) postwendend den Ausgleich. Jürgen Klopp zeigte später eindrucksvoll (”Das nennt man Doppeln.”), dass nicht nur Lahm, sondern so gut wie die komplette deutsche Hintermannschaft aus Lehmann, Metzelder, Mertesacker und Ballack dabei sehr schlecht aussah. 6 Gegentore in 5 Spielen sind eine deutliche Botschaft: Von der WM-Form ist die Defensive weit entfernt. Vor allem gegen starke Dribbler sind die deutschen Schlakse zu oft unterlegen. Keine guten Nachrichten für ein Finale gegen Spanien oder Russland.
Auszunehmen ist trotz seines schwächsten Turnierspiels nur Philipp Lahm. Wie er das Siegtor selbst einleitete und dann großartig vollendete war eine der wenigen echten Weltklasse-Aktionen des Turniers in einer Reihe mit Robbens Tor gegen Frankreich oder Buffons gehaltenem Elfmeter gegen Rumänien und dürfte seinen Marktwert endgültig in Premiere-League-Dimensionen katapultieren. Dazu war Lahm an einer der krassesten Fehlentscheidungen des Turniers beteiligt. Wie Bussaca das Foul gegen den Außenverteidiger übersehen konnte, wird auf ewig sein Geheimnis bleiben.
Am Ende atmete Deutschland kollektiv auf. Es war ein typisch deutscher Sieg wie ihn andere Mannschaften einfach nicht zu Stande bringen können. Wenn diese Mannschaft eine Qualität hat, dann in den entscheidenden Momenten einfach da zu sein. Aus wenig Chancen produzierte sie bislang 10 Tore und ist ungemein effektiv. Hoffentlich kommt diese Effizienz im Finale ein letztes Mal zur Geltung.