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Vor dem Spiel ging ich gestern noch in einem türkischen Imbiss mit dem schönen Namen “Dönerstag” (Donnerstag ist Dönerstag, Döner plus Cola zum Sonderpreis!). Natürlich kamen wir - während ich auf mein Kebab wartete - schnell aufs Finale zu sprechen. Meine Meinung: “Wenn Ballack spielt, gewinnen wir.” Der Dönerfachverkäufer: “Gerade mit dem gewinnt ihr nix.” Am Ende muss ich zugeben: Der Imbissexperte hat mehr Fußballsachverstand als ich bewiesen.
Deutschland spielte ein schwaches Finale, in dem die Mannschaft zu kaum einer Torchance kam. Und das lag auch an einem ganz schwachen Michael Ballack, der mit einer enttäuschenden Leistung einmal mehr demonstrierte, warum er keine großen Titel gewinnen kann. Viele Fehlpässe des Capitano, gegen Senna selten Sieger im Zweikampf, so ging die Ordnung im Mittelfeld der Deutschen verloren. Sein Spiel war eine einzige Enttäuschung, auch in der Art, wie er mit seinen Mitspielern umging. Da war keine Motivation, kein Versuch, sie aufzurütteln außer durch überhartes Einsteigen gegen den Gegner. Nie vermittelte er den Eindruck, als würde er an seine Mitspieler und ihre Fähigkeiten glauben. Hat ihn seine Zeit in Chelsea so verwöhnt, dass er seiner eigenen Nationalmannschaft nur noch mit herablassender Arroganz gegenüber treten kann?
So blieb niemand, der die Mannschaft mitreißen konnte. Thorsten Frings hatte schon im ganzen Turnier gezeigt, dass er im Moment zu mehr als Zerstörung nicht in der Lage ist. Genauso ineffektiv agierte der sonst so zuverlässige Hitzlsperger. Lukas Podolski war der beste Rechtsaußen des Turniers aber so wie C. Ronaldo ein Spiel an sich reißen kann er (noch) nicht. Blieb nur Bastian Schweinsteiger, dem man am Ende der EURO bescheinigen muss, der einzige Spieler im Kader zu sein, der während des Turniers zu einer Leistungssteigerung im Stande war. Er rackerte links wie rechts, forderte viele Bälle, gab sich alle Mühe, Mitspieler in Szene zu setzen - nur leider hieß einer davon Arne Friedrich. Seine Flanken sind bereits jetzt legendär in ihrer Erfolglosigkeit, nur noch getoppt von der Willy-Sagnol-Flanke. Im Sturm schließlich war Miro Klose erneut auf sich allein gestellt. Sein Potential als Vorbereiter war damit verschenkt. Von Kuranyi und Gomez wollen wir gar nicht reden. Beide haben unter Beweis gestellt, dass sie ihre besten Leistungen nur auf Bundesliga-Niveau bringen. Torgefahr konnte so gegen die beste Abwehr des Turniers nicht entstehen. Vor dieser Abwehr agierte ein brilliantes Mittelfeld, dass gestern noch einmal eine Lehrstunde in Sachen “Verteidigung durch Ballbesitz” gab. Wie sie die deutschen Defensiven hinterher rennen ließen, war eine Demonstration. Mertesacker und Metzelder, beide Meilen von der WM-Form entfernt, konnten froh sein, wenn sie überhaupt in die Nähe des Balles kamen. Ein sehr starker Jens Lehmann rettete sie vor einer Total-Blamage. Bleibt Philipp Lahm: Wie schon im Halbfinale agierte er unglücklich, diesmal mit einem passenden Ende. Verletzt wurde er ausgewechselt. Dennoch ist er wohl der Spieler, der während des Turniers am meisten für Furore sorgte, nicht nur mit seinem Tor gegen die Türkei. Sein Ersatzmann Marcell Jansen machte vieles richtig, kam aber in eine Mannschaft, die offenbar nie wirklich an den Sieg geglaubt hat.
Womit wir bei Jogi Löw sind. Auch in der Trainerriege wurden Fehler gemacht. Und damit ist nicht gemeint, dass man Marco Marin statt Piotr Trochowski hätte mitnehmen müssen. Das hätte nichts geändert. Doch Löw geht das ab, was seinen Vorgänger Klinsmann so auszeichnete: Er schaffte es nicht, seine Mannschaft auf den Punkt für ein großes Turnier so einzustellen, dass jeder Spieler geistig wie körperlich in Topform war. Unerklärlich, wie Spieler wie Fritz, Jansen, Gomez sich aus der Mannschaft spielen konnten. Sie fingen stark an, um dann von Spiel zu Spiel schlechter zu werden. Das darf einfach nicht passieren. Andere, wie Hitzlsperger, Rolfes, Klose oder Lehmann agierten so zuverlässig wie ein Bahnfahrplan. Einzig Podolski, Schweinsteiger und Lahm konnten insgesamt überzeugen. Vor allem Schweinsteiger steigerte sich nach desaströsem Beginn großartig. Doch leider ist das zu wenig, wenn man die EURO gewinnen will. Vor zwei Jahren waren die Spieler durch die WM im eigenen Land zusätzlich motiviert. Der Topos der “Bergtour” vermochte diesen Reiz nicht zu setzen. Zu sehr waren einige Spieler mit sich selbst und ihrer Zukunft beschäftigt. Wie oft hat die Mannschaft beschworen, “im nächsten Spiel mit einer anderen Einstellung” auf den Platz zu laufen. Geklappt hat es nur einmal, bezeichnenderweise im einzigen Spiel, bei dem Löw nicht auf der Bank saß. Ansonsten dominierten blutleere Vorstellungen. Dazu leistete sich Löw einige taktische Schnitzer, wie beim Spiel gegen Kroatien als er David Odonkor völlig sinnlos einwechselte. Auch gegen Spanien ging sein 4-5-1, mit dem das Team wenig Erfahrung hatte, nicht auf. Erst mit der Umstellung auf 4-4-2 entwickelten Löws Spieler so etwas wie Torgefahr.
Die Spanier wurden verdient Europameister. Nach der WM 2002 mit Brasilien setzte sich erstmals wieder das spielerisch stärkste Team bei einem großen Turnier durch. Sie verloren kein einziges Spiel, erzielten am meisten Treffer, kassierten am wenigsten, da bleiben keine Fragen offen. Gegen sie zu verlieren ist keine Schande. Aber dass die deutsche Mannschaft alles versucht hat um zu gewinnen, kann man leider auch nicht behaupten. Der Mann vom Dönerstag wusste es schon vorher.
P.S. Meine Enttäuschung und meinen Ärger möchte ich dann gerne an den Schiedsrichtern abreagieren. Es war kein gutes Turnier der Männer in Neongelb. Symptomatisch die Leistungen von Rosetti im Eröffnungs- und Endspiel, als er gleich mehrere klare Handspiele übersah, zwei davon elfmeterwürdig. Dass er am Ende Deutschlands größte Torchance abpfiff, ist keine Entschuldigung, aber besonders bitter. Bei ihm und seinen Kollegen vermisste man eine klare Linie, die Sicherheit zu wissen, welche Fouls geahndet würden, für welche man Gelb sehen würde und was noch erlaubt ist. Da wurden gelbe Karten zurück genommen, klare Elfmeter nicht gepfiffen, aus Angst, das Spiel zu entscheiden, für Trikotzupfer gelbe Karten verteilt, während im Mittelfeld Eisenfüße wüteten. Nein, es war kein Turnier für die Schiedsrichter.