Fußballern sagt man im Allgemeinen keine so hohe Bildung nach, deshalb weiß ich nicht, ob sie die Geschichte von dem Jungen, der immer „Wölfe“ rief kennen. Die in der Kurzfassung so geht: Ein Junge muss Schafe hüten und das ist langweilig. Aus Spaß ruft er also immer „Wölfe, Wölfe!“ und dann kommen die Dorfbewohner und es ist ordentlich was los und der Junge kann mit seinem Handy das ganze Chaos aufnehmen und bei You-Tube einstellen. Doch irgendwann raffen die Leute, was los ist und kommen nicht mehr. Und dann kommen aber wirklich Wölfe und der Junge ruft natürlich „Wölfe, Wölfe!“ aber weil niemand mehr bei You-Tube zum Deppen werden will, kommt keiner. Einen Tag später sehen alle Dorfbewohner im Netz ein Video von einem Jungen, der bei einem Wolfsangriff schwer verletzt wurde. Die Dorfbewohner sind natürlich betroffen und fühlen sich mies und der Junge liegt im Krankenhaus und ist verletzt und alle Schafe sind jetzt tot und außer den Wölfen sind irgendwie alle angeschmiert. Was das mit Fußball zu tun hat? Ich erkläre es mal:
Vor zwei Wochen verirrte ich mich mal wieder in den Bruchweg, um dem glorreichen 2:2 der 05er gegen Jena beizuwohnen. Dass dieses Ergebnis nach einer 2:0-Führung der Mainzer zu Stande kam ist geschenkt. Aber ein Zwischenfall bei diesem Spiel sorgte in dem Spiel fünf Minuten für Aufregung, ward dann aber schnell vergessen.
Es war die 85. Minute, als Omodiagbe von Carl-Zeiss Jena nach einem Zusammenprall im eigenen Fünfer liegen blieb. Mainz wollte unbedingt den Sieg, Jena war mit dem Unentschieden selbstredend ganz zufrieden. Die Mainzer spielten noch 2 Minuten weiter, erzielten fast ein Tor – und dann wurde Omodiagbe bewusstlos vom Platz getragen. Und warum? Weil die Jenaer immer Wölfe gerufen hatten.
Die meisten Fans kennen das Szenario aus beiden Perspektiven. Bleibt ein Spieler verletzt am Boden liegen, wird normalerweise erwartet, dass der Gegner den Ball ins Aus schießt, um eine Behandlung zu ermöglichen. Während die eine Seite der Fans natürlich den verletzten Simulanten auspfeift, fordert die andere ebenso vehement die Spielunterbrechung. In den letzten Jahren haben die meisten Fußballer begriffen, dass der so genannte „akute selbstheilende Beinahe-Kreuzbandriss“ neben dem taktischen Foul eine ganz passable Methode ist, um z. B. Konter des Gegners zu unterbinden oder kurz vor Schluss ein bisschen Zeit zu gewinnen – ohne dabei auch noch Gelb kassieren zu müssen. Bleibt ein Ital… Verzeihung – ein Spieler z. B. nach einer Ecke im gegnerischen Strafraum scheinbar schwer bis tödlich verletzt Boden liegen, zwingt man den Gegner – vor allem, wenn dieser Auswärts antritt – zu einem Abbreichen des Angriffs. Kurz danach erlebt man normalerweise die wundersame Auferstehung des Beinahe-Sportinvaliden. Weiter mit Einwurf, der wird natürlich „fair“ zum Gegner zurück gespielt.
Zurück in den Bruchweg: Die Rot-Weißen hätten in dieser Situation trotz der klaren Torchance das Spiel unterbrechen müssen (vom Schiedsrichter mal abgesehen). Aber dass sie es nicht getan haben, liegt auch am Verhalten der Jenaer Spieler zuvor. Mit mehreren dieser Einlagen hatten sie zuvor bereits für einige Spielunterbrechungen gesorgt und damit Fans und Mannschaft von Mainz 05 gegen sich aufgebracht. Die Jenaer sind also der kleine Junge und die Mainzer sind die Dorfbewohner*. Die scheinbaren Verletzungen sind wie die Wölfe, und die unschuldigen Schafe sind die Fairness im Fußball. Und wer permanent so tut, als gebe es Wölfe und dann kommen irgendwann welche, der darf sich nicht wundern, wenn ein Spieler bewusstlos vom Platz getragen werden muss und die Fairness dabei aufgefressen wird.
* In diesem Fall. Es könnte genauso umgekehrt sein.
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