Dass man Fußball genießen kann, ohne davon Ahnung zu haben, wissen wir spätestens seit dem Sommer von 2006. In Mainz ist der Modefan ohnehin eine bekannte und stetig nachwachsende Spezies. Mit dieser Sorte Menschen ist in der Regel gut feiern. Sobald es aber um “Talking Football” geht, sucht man sich besser jemand anderen als Gesprächspartner aus. Denn es ist ja nicht so, dass diese Leute wissen, dass ihre Qualitäten in Bezug auf Fußball vor allem dann wichtig werden, wenn es um Autokorsos, Grillpartys und Dosenstechen geht. Nein, getreu dem Motto “So schwer ist Fußball doch gar nicht” wird knallhart jede Szene mit untrüglichem Laiensachverstand kommentiert. Wie anstrengend dieses Verhalten wirklich werden kann, erlebte ich Ostersonntag, als ich dem Spiel der 05er gegen Hopps Millionentruppe in der Musikerbörse beiwohnte; ein Laden, dessen skurile Kundschaft dem Hexenkessel-Leser bereits bekannt ist.
Mainz gegen Hoffenheim also, für manche das Spiel Tradition gegen Kommerz, für andere vor allem ein wichtiges Spiel um den Aufstieg in die erste Liga. An meinem Tisch sitzen außer mir ein sympathischer junger Mann, der sich später als wett-begeisterter Jugoslawe entpuppt (O-Ton beim Ausgleich: “Neiin, jetzt sind 3.500 Euro weg!!”) und ein älteres Ehepaar, die sich als mehr lokal-, denn fußballpatriotische Fans entpuppen. Soll heißen: Mainz 05 unterstützt man selbstverständlich, man lebt ja schon seit 40 Jahren hier. Dass es den Verein gibt, weiß man allerdings erst seit 4 Jahren. Dass die Sportart Fußball heißt, ist nur noch als peripherer Gedanke im Hirn vorhanden und Hoffenheim, Bayern München oder Real Madrid sind egal: “Der Kloppo schlägt sie alle!”
Den emotionalen Part in dieser sicherlich glücklichen Ehe hat offenkundig Sie inne, den bereits nach zehn Minuten gehören mindestens fünf Hoffenheimer mit Rot vom Platz gestellt. Der Schiri ist “Der Unfairste, den ich je gesehen habe!!” und “Hat von den Blauen doch kassiert. Die haben das Geld doch!” Unverständlicherweise pflichtet in diesem Moment unser Freund von Bet-and-Win bei: “Ich kenn mich da aus. Die sind alle gekauft! Mainz kann heute nicht gewinnen. Weiß ich von Subotic. Ist Freund von mir.” Aha.
Auch Ihre Äußerungen zum Spiel der Mainzer sind von wenig Sachverstand geprägt: Während sich Noveski, Hoogland & Co. bis zur Erschöpfung abrackern, um jeden Meter mit viel Einsatz kämpfen, ist für Sie völlig klar: “Das sind doch Profis. Warum machen die denn nix richtig heute?” Und das, nachdem ein Mainzer am Boden liegend den Ball gegen vier Hoffenheimer zumindest ins Aus klären kann. Ich stehe kurz davor, Sie zu bitten, doch endlich mal die Klappe zu halten, aber dann ist zum Glück Halbzeit und Premiere bittet zum Gewinnspiel mit der Frage: “Welcher deutsche Spieler wechselte im Sommer zu Real Madrid? – A: Ch. Metzelder – B: Miro Klose” Ich habe diese Fragen immer für lächerlich gehalten, aber heute sitzt mir ein Mensch gegenüber, der sie tatsächlich nicht beantworten kann.
Sie: “Ist doch der Klose, oder?”
Ich: “Nein, Metzelder.”
Sie (mit Nachdruck): “Aber der Klose wollte da doch auch mal hin?”
Ich: “Klose spielt bei Bayern München.”
Ich hoffe, dass die Erwähnung von Bayern München irgendeine Assoziation auslöst, aber Sie starrt mich an, als würde ich von Fliegenfischen reden.
Sie: “Ach so, bei Bayern.”
Im weiteren Spielverlauf nehmen Ihre Tiraden gegen so ziemlich alles, was auf der Leinwand zu sehen und zu hören ist, an Heftigkeit zu. Spieler (egal ob Mainz oder Hoffenheim): “Können nix. Dabei sind das doch Profis.”
Schiri: “Immer nur gegen die Mainzer. War doch klar.” (kurz danach wird er Löw vom Platz stellen)
Kommentator: “Babbelt nur Mist, der Dreggsack!”
Jetzt schaltet Er sich ein und versucht zu beschwichtigen. Spiel sei doch ganz gut, Spieler geben alles, Schiri hat ja auch ein klares Tor der Hoffenheimer nicht gegeben und ich denke mir: “Endlich hört man die Stimme der Vernunft in dieser Beziehung.” Bis Er sich nach dem Ausgleich zu mir umdreht: “Besser als 0:0, oder? So gibt’s immerhin noch einen Punkt.”
Ich (mechanisch, am Ende meiner Kräfte und geistig ausgezehrt): “Bei Unentschieden gibt es doch immer einen Punkt.”
Er: “Ach so. Ich dachte bei 0:0 gäb’s auch 0 Punkte.”
Dreht sich um und winkt ab.
Ist ja auch egal. Der Kloppo macht das schon irgendwie. Auch nächste Saison gegen Real Madrid mit Miroslav Klose.
3 Kommentare bis jetzt
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hahaha…die Tochter der Beiden stand hinter mir auf der Tribüne. Spezialität: Szenenapplaus bei Allerweltspässen, Hoffenheim am Ball: hektisches Rufen “Ran!” oder “Drauf!”, wenn sich die Abwehr gerade in Stellung brachte (und auch kaum etwas durchließ), oder Mainz am Ball (egal ob mit dem Rücken zum Tor oder sonstwie): “Schiiiieeeß!”
Kommentar von 7 März 24, 2008 @ 1:57wo du grade von deiner fußballkneipe sprichst: ich bin ja auch stammgast in der börse. ist dir schonmal aufgefallen, dass der gute mann die sache mit kneipenrauchverbot und der sondererlaubnis für besonders kleine spelunken jetzt sogar als werbung nutzt? draussen prangen jetzt zwei schilder, auf denen riesengroß geschrieben steht: RAUSCHERKNEIPE sogar mit dem sensationellen szenigen zusatz (SMOKER PUB)
Kommentar von kris April 4, 2008 @ 4:45für all die auswärtigen gäste, die sich jedes wochenende in der börse verirren. die gäste freuts, hab das gefühl, es wird nochmehr gequalmt als vorher…
haha. ich meine natürlich RAUCHERKNEIPE: aber rauscherkneipe ist auch gut. hehe
Kommentar von kris April 4, 2008 @ 4:46