Das geniale Tor von Philipp Lahm gegen die Türkei kann man sich gar nicht oft genug ansehen. Wie gerne würde ich es mir auch mal im Original anhören. Bevor Hitzlspergers brillianter Pass Lahm erreichte, rief er laut „LEO!“, um zu verhindern, das Bastian Schweinsteiger ihm die gute Gelegenheit vom Fuß nahm. Für eine Millisekunde befanden sich Philipp und Schweini nicht mehr im ausverkauften St.-Jakob-Park, sondern waren wieder auf dem Bolzplatz der Jugend angekommen.
Die durchtrainierten, vermarkteten Weltklassefußballer kennen wir Fans nur aus der Froschperspektive, ihre Welt erleben wir nur durch das Fernsehen oder in feuchten Fußballträumen, die überwiegend aus Wenn-und-Abers („Ach, wenn ich damals doch in das Trainingslager mitgefahren wäre, wo wir gegen die A-Jugend von Schalke04 gespielt haben. Dann hätte der Scout mich…“) und verklärten Selbsteinschätzungen („Klar, hätte ich es packen können. Aber ich bin nicht der Typ für…“) bestehen.
Doch es gibt manche Dinge, die auf jedem Fußballplatz gleich sind. Universelle Gesten, charakteristische Situationen, die dafür sorgen, dass wir trotz aller Entrücktheit und Distanz dennoch meinen zu wissen, wie es den Profis auf dem Platz ergeht. Wer hätte nicht einmal, wie Mario Gomez gegen Österreich, eine sogenannte 1000-Prozentige auf geradezu lächerliche Weise vergeben? Wer von uns ist nicht, wie Philipp Lahm, von einem türkischen Slalomdribbler auf dem Schulhof vernascht worden? In diesen Momenten sind uns die ganz Großen ganz nah. Auch sie haben mal klein angefangen. Nur die Wenns-und-Abers kennen sie nicht. Doch die Prägung auf deutschen Bolzplätzen, die bleibt. Die Sprache des Fußballs erlernt man nicht in Löws Motivationsseminaren. Die erlernt man auf dem Bolzplatz an der Ecke, wo sie von Generation zu Generation weitergegeben wird und so bis in die größten Momente des Spiels durchdringt.
Den genialen Doppelpass zwischen Hitzlsperger und Lahm hätten nur wenige spielen können. Den Ball so wunderbar mitnehmen und ins linke Eck schlenzen, schaffen wir nur an einen sonnigen Sonntag im Jahr. Doch dazwischen, da lag ein Moment, in dem wir alle gleich gehandelt hätten, ob wir nun im St-Jakob-Park oder auf einer Wiese im Volkspark gestanden hätten: Wir hätten alle – genau wie Philipp zu Schweini – LEO! gerufen.
Die Kulisse in Wien sucht tatsächlich ihresgleichen. Mit der barocken Fanzone zwischen Burgtheater und Rathaus kann keine „Rudelguck-Arena“ in Deutschland mithalten. Zwischen 60 000 erlebte ich das Spiel gegen Österreich selbstverständlich „in total friedlicher Atmosphäre“ – wie jedes Medium in sensationsgeiler aber enttäuschter Erwartung von Massenkrawallen nicht müde wird zu betonen.

Die großartige Kulisse vor dem Wiener Rathaus
Über allem schwebte der natürlich der Geist von Cordoba. Unsere Idee, jedesmal einen Kurzen zu kippen, wenn wir das Wort „Cordoba“ sehen oder hören wurde aus purem Selbsterhaltungstrieb eilig verworfen. Den daraus resultierenden Alkohol-Konsum hätte nicht mal ein sibirischer Bergmann überlebt. Stattdessen blieben wir bei (pfandfreien) „16er-Blechen“, wie der gemeine Wiener die Dosen der im 16. Bezirk ansässigen Brauerei nennt.

Die deutsche Antwort auf Cordoba“
Unsere kleine 3-Mann-und-1-Frau-Crew schloss jedenfalls schnell Freundschaft mit dem halben Land, während wir uns durch die riesige Fanzone drängten, verzweifelt versucht den optimalen Platz zwischen Leinwand, Bierstand (schlappe 4,50€ für an Helles…) und Toiletten zu ergattern. Wir waren 4,5 Stunden vor Anpfiff vor Ort und scheiterten dennoch kläglich. Eine Stunde vor dem Anpfiff hatten wir uns im Gewühl verloren. J kämpfte tapfer am Bierstand, ich irrlichterte zu einer Toilette, Babsi und Capo sammelten fleißig Fotos mit österreichischen Topmodel-Kandidatinnen. So endeten wir am strategisch wohl supoptimalsten Ort mit maximalem Abstand zu den beiden gegenüberliegenden Leinwänden.

Unser Capo schließt Fanfreundschaften
Habe selten so wenig von einem Fußballspiel im Fernsehen mitgekriegt. Den Verstolperer von Gomez nur in der Wiederholung, Balles Freistoß nur im Endergebnis, als der Ball schon im Winkel zappelte, usw.. 90 Minuten auf den Zehen ist halt nicht zu machen. Nach dem Spiel wollte sich echte Freude nicht so richtig einstellen, zu dreckig war der Sieg, den ich mir in übersteigerte Vorfreude ganz anders ausgemalt hatte.

Von meinem optimistischen Tip blieb nicht viel übrig – außer Erschöpfung
Bei den Rot-Weiß-Roten dominierte trotzige Trauer: Die meisten wollten ihr Team „nie so gut gesehen haben“, was einerseits zeigt, dass die meisten Zuschauer zu jung waren, sich an die Ära Herzog/ Polster wirklich zu erinnern. Auf der anderen Seite wurde mal wieder klar, dass die Österreicher ein Fußball spielender Minderwertigkeitskomplex sind. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie sie aus Pleiten, Pech und Pannen-Spielen noch gefühlte Siege machen können.
Wir stiefelten jedenfalls reichlich fertig nach Hause. Nach inzwischen über 7 Stunden extremen Fußball-Guckens waren die Akkus leer und mussten mit einer weiteren Wiener Spezialität aufgeladen werden: Eine frisch gebruzzelte „Eitrige“ (Käsekrainer) vom Würstel-Stand rundete einen wunderbaren Wien-Trip ab. Fortsetzung folgt im Finale?
Hier gibt es mehr Bilder vom Trip.
Leben in der Fußballkneipe – EURO-Spezial
Das Echo von 2006 ist immer noch zu spüren. Nie hat Fußball mehr Spaß gemacht als bei der WM im eigenen Land, als wir Deutschen doch so wunderbar ungezwungen feiern konnten und niemand mehr seine schlechte, typisch-deutsche Laune an Ausländern auslassen musste. Ach was waren wir unverkrampft!
Leider alles nur Fassade, stell ich derzeit fest. Zwar entdeckte vor zwei Jahren auch der letzte – um mit Olli Kahn zu sprechen – Krawattenträger seine Liebe zum verschwitzen Deutschlandtrikot und Schwarz-Rot-Gold-Schminke. Doch vor zwei Jahren gab es leider keine schlechten Spiele, sondern nur eine heroische Niederlage. Solche Niederlagen sind verdammt selten. Die meisten Niederlagen sind – Fans vom MSV Duisburg oder Hansa Rostock werden es wissen – keine tragischen Opern, sondern Trauerspiele. Vor allem der eigenen Mannschaft. Insofern war es gut, dass Jogi Löw dem deutschen Volk endlich mal wieder in Erinnerung rief, wie richtig verloren wird. Nicht mit Anstand, sondern verdient. Nicht aufrecht kämpfend, sondern peinlich stolpernd. Diese Gehirnwäsche wird so manchem Sommermärchenfan gut tun. Bald werden wir hoffentlich einen ehrlichen, dreckigen 1-0-Sieg zu schätzen wissen – wie in Rostock und Duisburg.
So verschwinden jetzt hoffentlich einige der schlimmsten Begleiterscheinungen des Nationalmannschafts-Hype. Als erstes dürfen die Krawattenträger mal ihre Deutschland-Trikots ausziehen. Das sind in den meisten Fällen leider keine richtigen Trikots, sondern von Brauereien oder Telekommunikationsanbietern in Pakistan billig zusammengenähte Ramschware, auf die sich irgendwo ein Fetzen Schwarz-Rot-Gold verirrt hat. Welcher echte Fan von Borussia Dortmund oder selbst Bayern München käme auf die Idee, sich ein T-Shirt anzuziehen, dass zwar zufällig in den Vereinsfarben ist, aber nur Zugabe eines Getränkemarkts zu einer Kiste Bier ist?
Dann dürfen jetzt einige Wirte endlich ihre Beamer wieder einpacken. Fußball ist nicht jedermanns Sache und das gilt auch für Kneipenfuzzis, die auf einmal meinen, sie müssten jetzt anfangen „Alle EM-Spiele live auf großer Leinwand“ zu zeigen. Das kann in die Hose gehen, wie ich persönlich beim letzten Deutschland-Spiel erfahren musste. Vor allem dann, wenn man sich besser mit Tapas als mit Technik auskennt. Leider wollen die Gäste bei so einem Spiel keine perfekt angerichteten Gambas frittas sondern einen funktionierenden Beamer. Da bleibt dann nur die Flucht in die gute alte Eckkneipe, wo die Bäume noch aus Holz sind.
Hier sind Fans noch Bundestrainer und keine weichgespülten Polohemden-Träger, denen „Michael Ballack schon ein bisschen leid tut.“ Hier sind Reporter noch „Nestbeschmutzer“ („Das gibt es in keinem anderen Land!!“), wenn sie zugeben, dass Mario Gomez im Abseits stand und hier gibt es auch keine nach vorne verschiebenden Doppelsechser sondern hier muss man kleinen Superdribblern noch „einfach mal einen 90 Minuten auf die Füße stellen.“ Dann macht der nämlich nichts mehr. So sieht es aus. Nach ständiger Public-Viewing-Bedröhnung kann so was tatsächlich ganz erfrischend sein.
Nach diesem ganzen schier endlosen Party-Höhenflug war es an der Zeit, dass endlich mal einer auf die Tanzfläche kotzt. Für viele ist die Feier damit erstmal zu Ende und sie gehen nach Hause. Andere brauchen einfach nur ein Konterbier.
Dass man Fußball genießen kann, ohne davon Ahnung zu haben, wissen wir spätestens seit dem Sommer von 2006. In Mainz ist der Modefan ohnehin eine bekannte und stetig nachwachsende Spezies. Mit dieser Sorte Menschen ist in der Regel gut feiern. Sobald es aber um „Talking Football“ geht, sucht man sich besser jemand anderen als Gesprächspartner aus. Denn es ist ja nicht so, dass diese Leute wissen, dass ihre Qualitäten in Bezug auf Fußball vor allem dann wichtig werden, wenn es um Autokorsos, Grillpartys und Dosenstechen geht. Nein, getreu dem Motto „So schwer ist Fußball doch gar nicht“ wird knallhart jede Szene mit untrüglichem Laiensachverstand kommentiert. Wie anstrengend dieses Verhalten wirklich werden kann, erlebte ich Ostersonntag, als ich dem Spiel der 05er gegen Hopps Millionentruppe in der Musikerbörse beiwohnte; ein Laden, dessen skurile Kundschaft dem Hexenkessel-Leser bereits bekannt ist.
Mainz gegen Hoffenheim also, für manche das Spiel Tradition gegen Kommerz, für andere vor allem ein wichtiges Spiel um den Aufstieg in die erste Liga. An meinem Tisch sitzen außer mir ein sympathischer junger Mann, der sich später als wett-begeisterter Jugoslawe entpuppt (O-Ton beim Ausgleich: „Neiin, jetzt sind 3.500 Euro weg!!“) und ein älteres Ehepaar, die sich als mehr lokal-, denn fußballpatriotische Fans entpuppen. Soll heißen: Mainz 05 unterstützt man selbstverständlich, man lebt ja schon seit 40 Jahren hier. Dass es den Verein gibt, weiß man allerdings erst seit 4 Jahren. Dass die Sportart Fußball heißt, ist nur noch als peripherer Gedanke im Hirn vorhanden und Hoffenheim, Bayern München oder Real Madrid sind egal: „Der Kloppo schlägt sie alle!“
Den emotionalen Part in dieser sicherlich glücklichen Ehe hat offenkundig Sie inne, den bereits nach zehn Minuten gehören mindestens fünf Hoffenheimer mit Rot vom Platz gestellt. Der Schiri ist „Der Unfairste, den ich je gesehen habe!!“ und „Hat von den Blauen doch kassiert. Die haben das Geld doch!“ Unverständlicherweise pflichtet in diesem Moment unser Freund von Bet-and-Win bei: „Ich kenn mich da aus. Die sind alle gekauft! Mainz kann heute nicht gewinnen. Weiß ich von Subotic. Ist Freund von mir.“ Aha.
Auch Ihre Äußerungen zum Spiel der Mainzer sind von wenig Sachverstand geprägt: Während sich Noveski, Hoogland & Co. bis zur Erschöpfung abrackern, um jeden Meter mit viel Einsatz kämpfen, ist für Sie völlig klar: „Das sind doch Profis. Warum machen die denn nix richtig heute?“ Und das, nachdem ein Mainzer am Boden liegend den Ball gegen vier Hoffenheimer zumindest ins Aus klären kann. Ich stehe kurz davor, Sie zu bitten, doch endlich mal die Klappe zu halten, aber dann ist zum Glück Halbzeit und Premiere bittet zum Gewinnspiel mit der Frage: „Welcher deutsche Spieler wechselte im Sommer zu Real Madrid? – A: Ch. Metzelder – B: Miro Klose“ Ich habe diese Fragen immer für lächerlich gehalten, aber heute sitzt mir ein Mensch gegenüber, der sie tatsächlich nicht beantworten kann.
Sie: „Ist doch der Klose, oder?“
Ich: „Nein, Metzelder.“
Sie (mit Nachdruck): „Aber der Klose wollte da doch auch mal hin?“
Ich: „Klose spielt bei Bayern München.“
Ich hoffe, dass die Erwähnung von Bayern München irgendeine Assoziation auslöst, aber Sie starrt mich an, als würde ich von Fliegenfischen reden.
Sie: „Ach so, bei Bayern.“
Im weiteren Spielverlauf nehmen Ihre Tiraden gegen so ziemlich alles, was auf der Leinwand zu sehen und zu hören ist, an Heftigkeit zu. Spieler (egal ob Mainz oder Hoffenheim): „Können nix. Dabei sind das doch Profis.“
Schiri: „Immer nur gegen die Mainzer. War doch klar.“ (kurz danach wird er Löw vom Platz stellen)
Kommentator: „Babbelt nur Mist, der Dreggsack!“
Jetzt schaltet Er sich ein und versucht zu beschwichtigen. Spiel sei doch ganz gut, Spieler geben alles, Schiri hat ja auch ein klares Tor der Hoffenheimer nicht gegeben und ich denke mir: „Endlich hört man die Stimme der Vernunft in dieser Beziehung.“ Bis Er sich nach dem Ausgleich zu mir umdreht: „Besser als 0:0, oder? So gibt’s immerhin noch einen Punkt.“
Ich (mechanisch, am Ende meiner Kräfte und geistig ausgezehrt): „Bei Unentschieden gibt es doch immer einen Punkt.“
Er: „Ach so. Ich dachte bei 0:0 gäb’s auch 0 Punkte.“
Dreht sich um und winkt ab.
Ist ja auch egal. Der Kloppo macht das schon irgendwie. Auch nächste Saison gegen Real Madrid mit Miroslav Klose.
Ich hoffe, Uli Hoeneß sieht sich das an: Das Torwart-Problem der Bayern ist damit wohl gelöst.
Nico Langner, die Katze von Samerberg, fliegt schöner wie der Maier-Sepp. Seine Karriere begann in Herne-Horsthausen, von wo schon Größen wie Hans Tilkowski ihren Weg machten.