Endlich griff gestern auch die ARD ins Turnier ein und stellte sich dem Duell um die bessere EM-Berichterstattung. Während das ZDF auf Altbewährtes vor skurriler Kulisse setzt, präsentierte die ARD unglaublicherweise gleich zwei Neuerungen. Zum einen trägt Monica Lierhaus jetzt Brille, was vielleicht von ihren etwas spleenigen modischen Vorlieben ablenken soll. Zumindest wirkt sie im Gegensatz zu Kerner vor wässriger Alpenkulisse nicht, als triebe sie auf einer Nussschale im Pazifik.
Die zweite Neuerung. Zu Netzer/ Delling, die gestern schon in absoluter Topform waren („Das Spiel hat einige Dellen, wie Delling.“ – „Da haben sie jetzt aber den ganzen Tag drauf hingearbeitet.“), kommen nun noch Beckmann/ Scholl. Und auch wenn der ein oder andere Blogger noch etwas grantelig ist über Scholls ersten Auftritt, fand ich ihn durchaus gelungen. Zumindest nimmt er kein Blatt vor den Mund („Ich war noch nie ein Fan von Henry. Gut, er hat in England viele Tore geschossen, aber jetzt spielt er bei einem anderen Verein und ist nur noch unterirdisch.“) und neigt nicht zum Schwafeln. Großartig fand ich, wie die beiden ihr Spiel analysiert haben. Während Klopp & Co. mit einem spacigen Computerprogramm antreten, mit dem man den Stürmern sogar unter die Hose gucken kann, arbeiten Beckmann und Scholl herrlich anachronistisch tatsächlich mit Block und Rotstift. Wunderbar! Und einen weiteren Vorteil hat das Ganze auch noch: Beckmann bleibt uns als Kommentator erspart. Jetzt muss man nur noch einen Posten für Steffen Simon finden.
Auf eine bewährte Crew wollte die ARD dann zum Glück doch nicht verzichten: Blumentopf kommentieren die deutschen Spiele wie schon bei der WM rappender Weise. Und das soll auch so bleiben.
ARD 1 – 0 ZDF
Wie sind eigentlich die Meinungen zur ZDF-Bühne? Vor zwei Jahren im Sony-Center hatte das ZDF definitiv eine gelungene Location gefunden, um die Stimmung in die Wohnzimmer zu bringen. Und auch wenn Kerner es einfach nicht lassen kann zu nerven, gab er mit Klopp und Meier doch ein gelungenes, weil auch manchmal launisches Trio ab. Doch was ist denn das jetzt? In Bregenz agieren sie wie auf einem Floß im Atlantik – völlig verloren zwischen Wassermassen. Die Zuschauer sitzen gefühlte 100 Meter entfernt vor einer Bühne, die nicht so aussieht, als sei nur noch nicht ganz fertig, sondern als habe man sie abgebaut und dabei einige Sachen liegen gelassen. Zum Beispiel einen grünen Flokati, der sich jetzt mit Bodensee-Wasser vollsaugt und irgendwann sicherlich stinken wird. Wenn Klopp nicht aufpasst, fällt er noch über eine Werkzeugkiste.
Und was ist das für ein riesiges Auge, dass den Zuschauer permanent aus dem Fernseher anstarrt? Der subversive Gedanke, der dieser Szenerie innewohnt – der beobachtete Fernsehzuschauer – ist ja sicherlich ganz amüsant, aber für mich doch eher was für das philosophische Quartett. Dafür linst nun permanent ein übergroßer Augapfel wie Sauron beim Herrn der Ringe über Kloppos Schulter. Die imposante Kulisse, die JBK jedenfalls permanent lobt (Wortspiel der Woche: „Die große Fußballoper“ – man kann es schon jetzt nicht mehr hören), verschluckt die eigentlichen Protagonisten völlig.
Hier kann man sich noch mal angucken, wie furchtbar die ZDF-Kulisse wirkt. Zusätzlich verschlimmert durch einen Popsong, der angeblich was mit Fußball zu tun hat und Kerners Versuche, an der Stürmer-Christl herum zu schrauben. Masche: Zieh’ dir was Hübsches an, dann kann ich was Hübsches ausziehen. *Würg*
Es musste ja so kommen… Zenit St. Petersburg holte gestern (ich hab es mangels Interesse nicht gesehen) den UEFA-Cup und befindet sich heute wo? Ganz genau: Auf dem Zenit. Und so titelt heute unter anderem meine geschätzte Mainzer Lokalzeitung mit dem Unvermeidlichen. Darf man zur Ehrenrettung behaupten, es wurde nur die Überschrift vom sid übernommen? Ein deutliches NEIN, kann ich nur sagen. Auch auf Spiegel-Online wird die zugehörige Fotostrecke mit geringst möglicher Kreativität überschrieben.
Aber wenn man einem Wortspiel nicht entkommen kann, muss man sich ihm halt ergebenst in die Arme werfen.
Der Fall Klasnic nimmt eine skurrile Wendung: Werder Bremen und der Stürmer – gestern noch zerstritten wie Don Camillo und Peppone – haben sich wieder lieb. In der Kurzfassung: Jeder macht mal Fehler, ein-paar-Augen-Gespräch und alles wieder gut. Geht ja auch nicht gegen Werder, sondern gegen den bösen Doc. Eine interessante Zusatzinfo bekommt man bei allesaussersport: Dort heißt es:
Tatsächlich bestehen zwischen Werder Bremen und dem Mannschaftsarzt Götz Dimanski geschäftliche Beziehungen. Werder hat Mitte der 80er Jahre einen Teil der medizinischen Versorgung in ein Tochterunternehmen ausgelagert (Sportheb), das seinerseits 2000 noch einmal ein Tochterunternehmen gründete (Rehazentrum Bremen). Mittendrin als ärztlicher Leiter und Geschäftsführer: Götz Dimanski. Ärztliche Leitung des Rehazentrum: die mitangeklagte Internistin.
Die Verquickung des Ärzteteams mit Werder Bremen muss man jetzt nicht gleich „dubios“ nennen (ist ja ganz normales Geschäftsgebahren), aber sicherlich ist es nicht gut, wenn sich ethisch-medizinische Interessen mit Wirtschaftsinteressen verquicken. Übrigens kann man die Kompetenz der Werder-Ärzte durchaus mal in Zweifel ziehen. Schaut man sich den Saisonverlauf der Grün-Weißen an, weiß man, dass dieser vor allem aus Verletzten, halb Auskurierten und wieder Verletzten bestand. Thorsten Frings ist seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr verletzungsfrei geblieben und auch Pierre Womé ist mit der medizinischen Leistung mehr als unzufrieden. Die Ärzte-Debatte gibt es in Bremen jedenfalls schon länger.
Trotz der Versöhnung zwischen Werder und seinem Angreifer bleibt natürlich die wesentlichste Frage ungeklärt: Wie weit gehen die Vereine, um ihre Spieler fit zu kriegen? Einen ersten Einblick in das System bekommt man bei Spiegel-Online.
Wer im Kampf um Prämien und Positionen zu früh auf die Alarmsignale seines Körpers hört, droht schnell den Anschluss zu verlieren oder gilt als verweichlicht – ein Makel, den sich niemand nachsagen lassen möchte.
Dabei ist das Thema seit langem bekannt. In diesem Artikel aus der FAZ heißt es
Offensichtlich hat sich der Konsum von Schmerzmitteln verselbständigt, nicht nur im Fußball. Anders als starke Medikamente wie Cortison, das auf der Dopingliste steht und nur in Ausnahmefällen verabreicht werden darf, sind die gewöhnlichen Mittel erlaubt; und sie sind auch leicht zu bekommen.
Hier gilt das Motto: „Doping ist nur, was auf der Liste steht.“ Mit Voltaren und Co. spielt man „Jenseits der Schmerzgrenze“ und wird als auch noch als Held gefeiert. Beispiele sind Jermaine Jones und Jens Jeremies. Jones spielte bei Frankfurt gegen seinen Willen mehrere Partien durch, half dabei die Eintracht ins Pokalfinale zu schießen. Jens Jeremies lief einst nur wenige Tage nach einer schweren Knie-OP im Halbfinale der Champions League auf, schoss sogar ein Tor und verhalf Bayern damit zur CL-Trophäe. Dafür wird er von Medien und Vereinsoberen als Held gefeiert. Seine Karriere endete mit 32. Zitat des Spielers, der „nichts zu bereuen hat“: „Es ist doch klar, das man irgendwann den Preis dafür bezahlen muß, wenn man über die Grenzen geht und auch immer nur mit Schmerzmitteln spielt.“
An markigen Sprüchen hat es Ivan Klasnic noch nie gemangelt: „Sie werden dafür büßen“, zitiert ihn heute die SZ in einem Artikel über seine Klage gegen die Werder-Ärzte. Kurze Zusammenfassung: Vor über einem Jahr wurde klar, dass eine von Ivan Klasnics Nieren durch ein Spenderorgan ersetzt werden musste. Die Karriere des Fußballers war in Gefahr, nachdem ein erstes Spenderorgan seiner Mutter abgestoßen worden war. Im zweiten Anlauf klappte es, seit März 2007 lebt Klasnic mit der Niere seines Vaters. Doch seitdem kriselte es zwischen Klasnic und Werder. Im November knallte es dann richtig: Ein Bremer Arzt griff die Mannschaftsärzte von Bremen scharf an: „Es ist von heute an gerechnet sechs Jahre her, dass sichere medizinische Signale da waren, die darauf hingewiesen haben, dass Klasnic nierenkrank ist. Die sind nicht beachtet worden.“ In der letzten Woche wurde bekannt, dass Klasnic diese Ärzte nun auf satte 1,5 Mio. Euro Schadensersatz verklagen möchte (s. o. in SZ, auch der Tagesspiegel berichtet darüber ausführlich).
Viel brisanter als der juristische Zank zwischen Spieler und Verein ist allerdings, was zwischen den Zeilen heraus zu lesen ist: Hier geht es um medizinische Praktiken in der Grauzone des hippokratischen Eides. Ich zitiere mal über die SZ den Spiegel, der schon im September 2007 darlegte:
Nach einer Blinddarmoperation bei Klasnic im November 2005 erinnerte seine Medikation gar „an die Reiseapotheke eines Radlers vom Team Telekom in den neunziger Jahren“.
Es befanden sich darin das Kortikosteroid Urbason, das blutdrucksenkende Rampiril, der Harnsäureblocker Allopurinol, das Vitamin-D-Präparat Vigatol, und zur Bekämpfung der Blutarmut einmal die Woche 1.000 Einheiten Epo.
Die Aussage, die hier gemacht wird, ist klar: Der „Fall Klasnic“ ist ein fußball-spezifischer Fall von Doping. Leider konnte ich den Auftritt des Klasnic-Clans bei Beckmann gestern nicht sehen, doch was man heute auf Spiegel-Online dazu lesen kann, geht in eine ähnliche Richtung: „Ich bin jetzt clean“, habe Klasnic gestern in der Talkshow gesagt. Dass vor allem Klasnics Frau auch persönliche Gründe für das rigide Vorgehen gegen den Arbeitgeber des Torjägers haben mag, schmälert die Brisanz dieser Aussagen in keinster Weise.
Dass das Wort Doping im Zusammenhang mit den Schmerzmitteln fällt, ist nicht deplaziert, sondern folgerichtig,
schreibt Spiegel-Autor Osterhaus. Tatsächlich gilt die Regeneration im Fußball als ein Feld, wo Dopingmittel wie Anabolika gezielt eingesetzt werden können. Das zumindest deutet der renommierte Sportjournalist Thomas Kistner in einem Interview mit dem Deutschland-Radio an, siehe dazu auch den heutigen Kommentar in der SZ.
In diesem Sinne ist einem der aktivsten deutschen Fußball-Blogger, Oliver Fritsch, zuzustimmen. Er wünschte sich im Februar Recherche, Ergebnisse, Aufklärung von den deutschen Medien. Dem kann man sich nun umso mehr anschließen. Die Causa des Ivan Klasnic mutet jedenfalls wie eine Steilvorlage an. Und ich möchte jetzt kein nostalgisches 1954-Gefasel von „Vitaminpräparaten“ hören. Bisher ist noch jede Sportart, die Doping geleugnet hat, am Ende hochgegangen. Es ist blau-äugig anzunehmen, dass der Fußball eine Insel der Seligen ist. Die Indizien sind da. Jetzt braucht es den Mut, diesen auch nachzugehen. Ein Gerichtsverfahren mit einem prominenten deutschen Fußballer könnte hier unter Umständen den Dammbruch markieren. Denn vor Gericht könnten die Erkenntnisse an die Oberfläche kommen, die bislang unter der Decke gehalten wurden. Bezeichnend übrigens, dass der Bremer Mannschaftsarzt sich gerne außergerichtlich einige wollte, dies seine Haftpflichtversicherung offenbar aber zurückwies. Welche vertragsrechtlichen Gründe letztlich dahinter stehen, sei dahin gestellt. Dennoch erweckt es zumindest den Anschein, als fürchte hier jemand die öffentliche Stellungnahme unter Eid. Denn die Fragen, die jetzt gestellt werden müssen, sind unangenehm: Mit welchen Mitteln und Methoden werden die Spieler bei Verletzungen fitgemacht? Was zählt dabei die Gesundheit des Spielers? Und vor allem: Wird das, was in der Reha funktioniert, auch beim gesunden Spieler angewandt?
P.S. Das Kistner-Interview zum Nachhören