Public Viewing oder: Fußball hinter Zäunen
Seit der letzten WM ist es fester Bestandteil des deutschen Wortschatzes, sämtliche Versuche, den Werbebegriff “Public Viewing” in verständliches Deutsch oder Englisch zu übersetzen, sind bislang gescheitert. Und wir können sicher sein, in den nächsten Wochen diesen Begriffen in inflationärer Weise zu hören. Denn wann immer ein Fußballgroßereignis naht, gieren findige Veranstalter nach dem schnellen Euro. Klar, Fußball lebt von der Massenbegeisterung, dem kollektiven Wir-Gefühl, dem gemeinsamen Siegesrausch und im Zweifel auch der schnell verfügbaren Schulter, an der man sich ausweinen kann.
Und so werden demnächst wieder alle möglichen Kneipen, Strände, Biergärten, Kinos, etc. versuchen, eine möglichst große Leinwand auf ein möglichst großes Gelände (das dann in Fanmeile umgetauft wird) zu packen, maximal viele Fress- und Bierstände dadrauf zu verteilen und das Ganze schließlich mit allem verfügbaren Metall der Stadt zu umzäunen. Denn der Begriff “Public” im Viewing ist ja eigentlich irreführend. Keineswegs geht es darum, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich frei im öffentlichen Raum zum Fußball gucken zu treffen. Im Zweifel ist das Gegenteil der Fall: Öffentlicher Raum wird abgesperrt, und ein frei zugänglicher Platz ist auf einmal “Restricted Area”, zu der man nur noch nach umfänglicher Sicherheitskontrolle samt Leibesvisitation Zugang hat. Diese vordergründigen Sicherheitsmaßnahmen erfüllen vor allem einen Zweck: Den Lizenznehmern dieser Massenveranstaltungen ein einträgliches Geschäft zu ermöglichen. Denn eine Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit innerhalb des Zauns ist nur noch gegen in der Regel nicht wenig Geld möglich.
Mit dem Verzicht auf Bewegungsfreiheit erkauft man sich also buchstäblich das kollektive Fußballerlebnis. Die Frage ist nur, ob es das wert ist. Sollte nicht sowohl das gemeinsame Fußballgucken wie auch die eigene Bewegungsfreiheit ohne Einschränkungen möglich sein? Ich kann einen Biergarten normalerweise doch auch betreten, ohne dass ich gleich durch den Nacktscanner laufen muss. Pappt allerdings das Etikett “Public Viewing” am Eingang, betrete ich auf einmal einen Hochsicherheitstrakt.
In Österreich habe ich erlebt, wie großartig die Stimmung auf einer Fanmeile sein kann. Aber das eine solche Veranstaltung nur durchführbar ist, indem man eine Innenstadt abriegelt, ist eine Behauptung, die letztlich unbewiesen ist. Das Gegenteil hat schlicht noch niemand ausprobiert.
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