Hexenkessel

Wenn einer keine Lobby hat – Kuranyi und die Nationalelf

Veröffentlicht in Archiv von hexenkessel am März 29, 2010

Der beste Stürmer Deutschlands saß zu Hause und drehte Däumchen, während die Nationalmannschaft das schlechteste Turnier aller Zeiten spielte. Es war der Sommer des Jahres 2000, als Martin Max 19 Bundesligatore schoss, Torschützenkönig wurde, und trotzdem Carsten Jancker und Paolo Rink mit nach Holland zur EM fuhren. War es die Bayern-Lobby, die verhinderte, dass ein Blauer zum Saisonhöhepunkt fuhr und stattdessen ein Mann stürmte, dessen Karriere in China endete? Oder war es einfach nur die grenzenlose Inkompetenz des schlechtesten Bundestrainers aller Zeiten, Erich Ribbeck? Fakt ist: Deutschland schoss in drei Spielen ein Tor und schied mit Schimpf und Schande aus. Schlimmer war es nimmer. Und mit Martin Max, das ist klar, hätte nur besser laufen können.
Nun droht Kevin Kuranyi das gleiche Schicksal. Sein größtes Problem: Auch er hat keine Lobby. Der Malocherklub Schalke ist in Deutschland zwar eine Fanmacht, aber innerhalb der Machtstrukturen des DFB haben eben andere das sagen. Hauptsächlich kommen sie aus dem Süden Deutschlands oder haben mal beim BVB gespielt. Zudem ist Kuranyi kein Lieblingskind des Bundestrainers. Sein einmaliger Aussetzer in einer Karriere, der es an Demütigungen nicht gemangelt hat, mutet im Rückblick sogar harmlos an. Kuranyi war in seinem Ego verletzt nach einem erneuten Nackenschlag. Seine Reaktion war nach innen gerichtet: Er machte sich aus dem Staub, zog sich zurück, unterstrich damit einmal mehr seinen mimosenhaften, gockeligen Charakter, der ihm von den Medien zugeschrieben wird. Das ist natürlich nicht in Ordnung, aber es ist verzeihlich. Erst recht, wenn man berücksichtigt, welche Dinge sich andere Nationalspieler leisten dürfen.
Lukas Podolski etwa baut seinen Frust anders ab: Er langt hin, entweder gegen den eigenen Mannschaftskapitän (!) oder gegen Journalisten.

Dieses Verhalten ist nicht minder schädlich für den Mannschaftsgeist, den Kuranyi angeblich in Gefahr bringen würde. Aber Podolski hat eben das Image des Spaßvogels, desLausbubs, dem man einen Dumme-Jungen-Streich auch mal verzeiht. Zudem gilt im Fußball einer, dem mal die Hand ausrutscht zunächst mal nicht als in seinem Sozialverhalten gestört, sondern als charakterstark. Regelmäßig werden Schlägerein unter Profis abgebügelt mit dem Hinweis, dass das zeige, das “Leben in der Mannschaft sei”.
Man kann geteilter Meinung über Kevin Kuranyi als Mensch sein, dass weiß er auch selber. Worüber man nicht streiten kann, sind seine momentanen Leistung. Um die zu erreichen, hat er hart an sich gearbeitet und sich bei einer Mannschaft Respekt verdient, die seit Jahren vorne in der Bundesliga mitspielt und auch international vertreten war. Er hat sich als Fußballer verbessert. Das kann man von Lukas Podolski und Mario Gomez nicht sagen. Miro Klose hat seinen Zenit (2006) längst überschritten. Es gibt sportlich keinen Grund mehr, Kuranyi nicht zu berücksichtigen. Aber sportliche Gründe sind eben nicht immer entscheidend. Fragt Martin Max.

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