Wo bleibt Kroos?
Reden wir erstmal darüber, was gut war: Die deutsche Mannschaft hat wieder guten Fußball gezeigt gegen Serbien. Auch in Unterzahl ist man nicht auseinander gebrochen und hat bis zu Özils Auswechslung versucht, mit spielerischen Mitteln zum Torerfolg zu kommen – aber dazu später mehr. Im Gegensatz etwa zu den Engländern gegen Algerien war das Team in der Lage, sich Chancen zu erarbeiten. Die Moral und die Laufbereitschaft war ebenfalls da. Erst im letzten Viertel des Spiels brach man immer mehr ein, was angesichts des Spielverlaufs aber nur zu verständlich ist. Die Hoffnung aufs Achtelfinale bleibt angesichts dieser Lichtblicke. Ghana wird Deutschland kämpferisch nicht so fordern, wie es die Serben getan haben. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass die Teams vom Balkan uns bei Turnieren zuletzt nicht gelegen haben. Noch 1990 war der 4:1-Sieg über das damalige Jugoslawien der erste Schritt auf dem Weg zum Titel. 1996 schaltete die Elf um Matthias Sammer Kroatien 2:1 aus, bevor uns der Pokal gehörte. Und dann? 1998 gab es die legendäre Viertelfinal-Niederlage gegen Kroatien um Davor Suker. 2008 bei der Euro dann wieder eine herbe Pleite gegen Kroatien, zum Glück reichte es trotzdem zum Viertelfinale. Und nun der Patzer gegen die starken Serben, den es zu wenden gilt. Die giftige Spielweise in der kompakten Defensive, gepaart mit den sehr effektiven, nadelstichartigen Angriffen der Balkanteams liegt uns anscheinend nicht.
Was hätte gestern nun anders laufen können? Das Spiel lief sicherlich äußerst unglücklich mit vielen gelben Karten, dem Platzverweis mit anschließendem Gegentor, dann der verschossene Elfmeter. Das hätten ohnehin nur ganz wenige Mannschaften kompensieren können. Doch es wäre meiner Meinung nach möglich gewesen, denn nicht nur die Spieler, auch der Trainer hat Fehler gemacht. Die Auswechslung von Mesut Özil war aus zwei Gründen fragwürdig: Zum einen war Özil auf dem besten Weg, das Spiel an sich zu reißen, hatte immer mehr gute Szenen. Als er draußen war, kamen keine gefährlichen Steilpässe mehr, die dringend nötig gewesen wären, um die in der Luft unüberwindbaren Serben in Verlegenheit zu bringen. Zum anderen beraubte Löw damit Marko Marin seines natürlichen Partners. Beide kennen sich aus Bremen, wo sie gut harmonieren. Auch gegen Serbien hätten sie mit ihrem schnellen Passspiel für Gefahr sorgen können. So wirkte Marin wie ein Einzelgänger auf dem Platz, dessen Dribblings oft im Nichts endeten, weil kein Mitspieler ahnte, was Marin eigentlich vorhat.
Es stellt sich außerdem die Frage, ob Löw seine Ersatzbank auch zu nutzen weiß. Sie bietet ihm so viele Möglichkeiten, doch Löw klammert an seinem Plan, an seinem System. Die Einwechslungen Marin, Cacau, Gomez hätte Löw auch vorher schon in der Pressekonferenz ankündigen können, so offensichtlich sind sie. Was aber ist etwa mit Marcell Jansen oder Toni Kroos, die gestern beide hätten helfen können? Der eine mit seinen Flankenläufen, der andere mit seiner Schussgewalt aus der zweiten Reihe. Warum kam nicht Stefan Kießling, der den Serben in der Luft hätte Paroli bieten können? Löw hat ein Arsenal an Spielern, bringt aber beharrlich immer dieselben Leute, selbst wenn sie stets aufs Neue enttäuschen, wie gestern einmal mehr Gomez, den man bitte erst wieder sehen möchte, wenn es in einem eventuellen Spiel um Platz drei 4:0 für uns steht und nix mehr passieren kann.
Der Trainer hat die Chance, mit Auswechslungen Zeichen zu setzen, noch mal für ein den Gegner überraschendes Moment zu sorgen. Erst Recht muss er das, wenn sein System durch Spielverlauf und Spielweise immer mehr auseinanderbricht. Die Auswechselbank kann wie ein Werkzeugkasten sein, mit dem die Mannschaft wieder zusammengezimmert wird. Gestern hat Löw nur zusätzliche Löcher gerissen.
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