Erschlagen von der Blitztabelle
Es war die 58. Minute, als Sky-Kommentator und Bayern-Fan Kai Dittmann endlich richtig jubeln konnte, und zwar gleich doppelt: Nicht nur hatte Bayerns van Buyten gerade das 1-0 erzielt, nein, mit bebender Stimmer stellte Dittmann fest: “Bayern München ist Tabellenführer.” Es war nicht nur Dittmann, der sich bei dieser Feststellung überschlug. Genauso überdreht ist mittlerweile auch der Bundesligazirkus im Fernsehen geworden. Es ist unmöglich geworden, einen Spieltag komplett abzuwarten, um die Tabellensituation zu bewerten.
Die Spannung an einem zerstückelten Spieltagswochenende mit fünf verschiedenen Anstoßzeiten ist gering geworden. Es gab Zeiten, da wusste man Samstags um 18 Uhr, wer vorne steht und wer der Verlierer ist. Nun geht das nicht mehr, man muss sich drei Tage gedulden, bevor man weiß, wer für die nächsten paar Tage die Tabelle anführt. Geduld aber darf es nicht geben: Um den millionenschweren Aufwand der wöchentlichen Übertragungen zu rechtfertigen, müssen News produziert werden, Schlagzeilen am laufenden Band. Deshalb stellt man den eigentlich wie Kaugummi in die Länge gezogenen Spieltag auf den Kopf. Die armen Kommentatoren, die die acht Spiele vor dem letzten neunten am Sonntag besprechen müssen, wissen, dass ihre Ergebnisse nur vorläufiger Natur sind, nur Momentaufnahmen, die sich nicht für eine sinnvolle Bewertung eignen. In ihrer Not bleibt ihnen nur eins: Dem Zuschauer suggerieren, als würde mit jedem Tor ein Erdrutsch in der Tabelle ausgelöst. Sie sind Gefangene der von ihnen selbst gewollten Anstoßzeiten, die mehr Übertragungen, mehr Quote bringen sollen. Dass sie damit die Dynamik aus dem Spieltag genommen haben, war ihnen vielleicht nicht klar. Jetzt müssen sie damit leben und tun das einzige, was sie wirklich können. In Hektik verfallen.
Angefangen hat es vielleicht mit dem absurden Herbstmeistertitel der inzwischen von den Medien genauso hektisch erwartet wird, wie der echte, der einzig wahre Meistertitel am Ende der Saison. Eine ganze Saison abwarten, bis man weiß, wer der Beste der Liga ist, das geht schon lange nicht mehr. Das Sportvolk lechzt doch permanent nach Ergebnissen, nach Rekorden, nach Titeln. Und die Journalisten müssen sie liefern, zur Not künstlich erschaffen.
Aber das reicht noch nicht. Es braucht eigentlich jede Woche einen Meister, nein zu lang, jeden Tag, auch zu lang. Tabellenführer müssen jetzt minütlich angesagt werden. So werden Blitztabellen erfunden. Blitz! Das heißt schnell, das klingt nach Breaking News, nach Dramatik pur. War Schalke nicht mal für vier Minuten Meister? Eigentlich nicht, aber einen Titel für Minuten gibt es jetzt.
Und heute? Wird Bayern zum Tabellenführer! Endlich wieder! Da sind sie wieder ganz oben, wenn auch nur virtuell, noch nicht einmal gefühlt. Aber Bayern oben, das bedeutet Druck! Für! Leverkusen! Nachlegen! Auf einmal nur noch Verfolger. Hechel, hechel, auf der Spur von Ribery, van Gaal und Robben. Fußball, Dramatik, Leidenschaft. Und der Zuschauer muss mit. Hat keine Wahl. Innehalten, Tabelle abwarten, einen Spieltag einfach mal zu Ende spielen, bevor man auf die Tabelle blickt? Darf nicht sein. Und alle machen mit: Bayer erobert die Tabellenspitze zurück, meldet SpOn heute. Kai Dittmann schreit auf, gequält vom Stromschlag der Nachrichten. Seine Breaking News aus Minute 58 ist überholt. Schon wieder. Wie immer. Wie jedes Wochenende. Aber er gibt nicht auf. Kann nicht aufgeben. Nächsten Samstag geht es weiter. Wann kommt endlich die neue Blitztabelle?
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