Gespeichert unter: Knallhartplatz | Schlagworte: Fußballkneipe, Mainz 05, Pommes
Freitag abend. Welches Spiel läuft heute? FC St.Pauli gegen FSV Mainz 05. Die Musikerbörse in der Mainzer Neustadt füllt sich langsam. Die Eckkneipe wird von dem türkischen Wirt Melek geführt und könnte kaum deutscher sein. Die Inneneinrichtung: deutsche Eiche. Auf der Karte: Bier, Jäger-M und Schnitzel mit Pilzrahmsoße für den Hunger zwischen durch. Dazu: Pommes Rot-Weiß (mit Ketchup und Mayo erklärt die Tafel all jenen, die mit dem deutschen Nationalgericht nicht vertraut sind). Zum Zeitvertreib: ein Dartautomat.
Das Kneipeninnere ist zwei-geteilt. Im vorderen Teil hängt die große Leinwand, zwei weitere Fernseher unter der Decke gewährleisten, dass auch die Gäste in den Ecken sich nicht den Hals verrenken müssen. Die ordnungsgemäße Deko: Fußballschals aus ganz Deutschland, sogar ein Lauterntrikot darf an der Wand angepinnt hängen. Dazu Bilder von der E-Jugend der 05er. Meleks Sohn spielt mit.
Direkt vor der Leinwand hat schon der Fanclub „Musikus“ Position bezogen. Zwischen den standesgemäß rot-weiß gekleideten Anhängern sitzen zwei Promenadenmischungen auf den Kneipenbänken. Sie verhalten sich ruhig. Ich setze mich an einen langen Tisch dahinter. Noch fünf Minuten bis zum Anstoß. Jetzt betritt Jochen mit seiner Frau das Lokal. Jochen ist Rentner und die Musikerbörse ist sein zweites zu Hause. Er kennt fast jeden in der Börse. Im Laufe des Abends wird er allen mindestens einmal lautstark zugeprostet haben. Normalerweise sitzt er beim Fanclub, aber der Tisch ist voll. Man würde schon noch zusammen rücken, aber Jochen passt das nicht. Hast du denn nicht reserviert? fragt er Melek enttäuscht. Seinen Stammplatz in der Stammkneipe kriegt niemand gern weggenommen aber heute ist es nun mal so und Jochen setzt sich neben mich. Gude, sagt er fröhlich und ohne dass er bestellt hat, landet ein kleines Bier vor ihm auf dem Tisch. Muss ja weg bevor es dunkel ist, sagt er fröhlich, nickt mir zu und nimmt einen tiefen Schluck. Von der Art Sprüche hat Jochen eine ganze Batterie drauf und gestaltet damit die komplette Konversation mit allen anderen. Ich bestelle mir inzwischen eine Spezialität des Hauses: Currywurst mit Pommes. Das Spiel ist 15 Minuten alt, als ich die lauwarmen Pommes mit der in billigem, kaltem Curry-Ketchup ertränkten Wurst bekomme. Egal, ich habe noch einen Kater vom Vorabend und mein Körper verlangt Elektrolyte, wie Karl in „Herr Lehmann“ sagen würde. Sieht gut aus, meint Jochen. Das nehm ich später auch, beschließt er. Aber erst in der Halbzeit. Vorher müsse er nämlich noch sein Insulin spritzen, erklärt er und legt die Spritze schon mal vor sich. Ich frage mich, ob jemand mit Diabetes Typ 2 in Jochens Alter sich überhaupt von Alkohol und Pommes-Currywurst ernähren soll? Mit meiner Sorge bin ich nicht allein: Ein Kumpel von Jochen mit einer Brille, deren Gläser die Dicke von Marmeladengläsern haben, weist Jochen auf den vielleicht etwas zu zuckerhaltigen Ketchup hin. Vergeblich. Die Pommes ess ich ohne Salz, meint er entschuldigend. In den nächsten fünf Minuten ruft er Kellner Benny stets neue Anweisungen für die Zubereitung der Wurst zu: Schön heiß alles. Die Pommes bitte weich. Und ne ordentliche Portion, hab schließlich Hunger. Gleich wird er in die Küche gehen und sein Essen selber machen, befürchte ich. Ich hoffe, dass Jochen nicht mit einem Zucker-Schock auf meinem Schoß zusammenbrechen wird.
Es passiert nicht. Nachdem er das Gericht einmal hat zurückgehen lassen – ist ja eiskalt – isst er die ganze Portion auf, dazu noch die Reste vom Schnitzel, dass sich seine Frau bestellt hat. Mit vollem Mund kommentiert er dabei das durchaus ansehnliche Spiel, dass die Mainzer aber verlieren werden, was irgendwann auch immer deutlicher wird. Jetzt einfach mal nach vorne, ist doch egal jetzt, ruft Jochen in der 55. Minute bereits verzweifelt aus. Nicht immer hintenrum, beschwert er sich über jeden Rückpass. Ja, und jetzt gleich wieder zurück, meint er hämisch, als die Mainzer einen sehenswerten und zügigen Angriff nach vorne tragen.
Der Fußball aus Jochens Generation war ein anderer. Vom Spiel versteht er nicht mehr viel. Aber Mainz 05 und die Musikerbörse sind Jochens Zuflucht geworden. Seine Gesundheit wird hier nicht besser. Aber hier hat er seine Freunde, seinen Fanclub. Den Großteil seines Lebens.